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Goal.com: David Babunski Der glücklich Gescheiterte

David Babunski trainierte bereits mit Messi und Co. bei Barca. Heute spielt er mit 23 in Japan - keineswegs ein Scheitern, sondern ein Happy-End.


Schräg unter David Babunski spiegelt sich die Sonne in den breiten Fassaden verglaster Häuser. Sie wird reflektiert und erscheint in vielen strahlen hellen Punkten auf dem Glas. Er ist in einem Wolkenkratzer und blickt einfach nur nach draußen, wo die Sonne schwindet und die Nacht begrüßt, die die Stadt, die weit unten da liegt, schon bald in ein Glitzermeer aus Reklame, Leuchtschrift und Verheißung verwandeln wird.

Der Mann David Babunski ist 23 Jahre alt. Er ist weit oben, im x-ten Stock eines Hochhauses in Yokohama, Japan. Der Fußballer David Babunski ist 23 Jahre alt. Er ist weit unten, spielt seit Januar in Yokohama, Japan.

Man könnte seine Geschichte als die eines weiteren gescheiterten Ausnahmefußballers erzählen. Als die eines jungen Mannes, der sich zwischen der schwer auf seinen Schultern in ihn gesetzten Hoffnung und seinem großen Traum verheddert hat und nun weit weg vom europäischen Spitzenfußball gestrandet ist. Man könnte davon erzählen, dass er schon als Zwölfjähriger zum großen FC Barcelona wechselte und mit 15 bereits die designierte Galionsfigur des mazedonischen Fußballs war.

Babunski, der etwas andere Fußballprofi

Dass Babunskis Geschichte eine andere ist als die der vielen Talente, die es nicht schaffen und in der Folge ein unglückliches Dasein fristen und oft Vereine wechseln, bis sie eines Tages vergessen werden und erst Jahre später als Bild in einer Diashow mit Gescheiterten wieder auftauchen, liegt an ihm. An seinem Blick auf die Welt, seinem Denken. Denn da gab es neben Babunski, dem hochveranlagten Kicker, auch immer Babunski, den Reflektierten, den etwas anderen Fußballprofi.

Schon als Kind dachte er über die Welt nach. Über seine Bedeutung in ihr. Über einen Sinn. Er hatte jahrelang einen Blog, den er inzwischen offline genommen hat, auf dem er philosophische Texte verfasste, über diverse Aspekte seines jungen Lebens nachdachte. Inzwischen hat er seine Ergüsse, die zwar manchmal ein wenig pathetisch anmuten, seine Intelligenz und Vielschichtigkeit aber wunderbar offenlegen, auf Instagram verlagert.

Anstatt wie andere früh gehypte Talente dort sein High-Life zu skizzieren, Autos, Uhren, Pools und Privatflieger-Selfies zu posten, schreibt er etwa: "Schließe deine Augen. Verlasse diese Welt. Verankern Sie Ihre Präsenz. Jenseits der Zeit. Jenseits des Raumes. Jenseits der Umgebung. Jenseits des Körpers. Jenseits von Gedanken und Verstand. Verwirkliche Deine Freiheit und frage Dich: Was will ich erleben? Was will ich manifestieren? Wähle." Er schreibt von der unendlichen Schönheit des Planeten, von der Liebe zu seiner Freundin. Er schreibt vom Meditieren, von seiner langen Reise. Ausdruck des Bedauerns? Fehlanzeige. Er wirkt nicht nur glücklich, er ist es auch.

Und genau das ist der Unterschied. Seine allenthalben als Scheitern angesehene Entscheidung, nach Japan zu wechseln, mit 23 den harten Kampf um Kaderplätze bei den Erstligisten aufzugeben, ist keineswegs der tiefe Fall eines Riesentalents, sondern eine bewusste Entscheidung. Babunski war es leid, ständig an nicht erfüllbaren Erwartungen gemessen zu werden. Er wollte etwas Neues. Und genau das findet er im Süden Japans: eine neue Kultur, so vieles, was es zu entdecken gibt. Außerhalb des Platzes. Denn schon lange ist ihm viel wichtiger, was in seinem Leben passiert. Und nicht mehr auf einem Rasenrechteck mit einem Tor an beiden Enden.

Das war lange anders. Natürlich. Trotz seiner Liebe zur Philosophie, seines Interesses an Quantenphysik, seines Wissensdurstes, war er einfach nur ein Kind, dass den Traum hatte, Fußballprofi bei Barca zu werden. Dorthin war er 2006 gewechselt, nachdem er bei einem Jugendturnier aufgefallen war. Er entwickelte sich rasend schnell. Seine Übersicht, seine Technik, seine Eleganz setzten sich zu einem Mosaik zusammen, das ihn zu einem der größten La-Masia-Talente überhaupt machte.

"Er ist ein Spieler, der perfekt zum Stil und zur Philosophie des Vereins passt. Er ist äußerst kreativ, technisch sehr begabt, er ist ein Virtuose mit dem Ball“, sagte sein Jugendtrainer Francesc Sanchez Bas. Er war Jahr für Jahr Leistungsträger, während Freunde aussortiert wurden und neue hinzukamen. Er brillierte in der Youth League, war etwa gegen Manchester City oder den VfL Wolfsburg bester Mann auf dem Platz. Es gibt YouTube-Videos aus dieser Zeit, die seine kleinen, feinen Aktionen zeigen.

Hoffnungsträger eines ganzen Landes

Immer an seiner Seite, nicht immer vor Ort, sondern oft per Skype: sein Vater Boban, früher in Griechenland, Deutschland, Japan oder Spanien selbst Profi und Bruder Dorian. Der wechselte mit 14 zur Real Madrid, gilt ebenfalls als großes Talent. David aber, das war allen immer klar, war mehr als eines dieser Talente, die es in jedem Jahr gibt. Er hatte das Besondere, das magische Momente zutage förderte. Experten, Trainer und Familie gleichermaßen glaubten fest daran, dass er es packen würde.

Dass er es nicht nur bei den Blaugrana nicht gepackt hat, sondern später auch bei Roter Stern Belgrad nicht zum Zuge kam, ist umso verwunderlicher. 2013 lief noch alles nach Plan. Als 19-Jähriger wechselte er in die Reservemannschaft. Im gleichen Jahr debütierte er für die mazedonische A-Nationalmannschaft. Dort hoffte man, endlich auch einen Fußballer gefunden zu haben, der das Land in neue Gefilde führen könne. So wie Rumänien ihn beispielsweise in Gheorghe Hagi hatte.

Die mazedonische Tageszeitung Sport Press druckte ein Bild von Babunski und Messi ab. Die Überschrift lautete: "David ist bereit!" Es war zwar weniger gemeint, er sei bereit, so gut wie Messi zu werden, sondern dafür, für die Profis zu spielen, dennoch ein Zeichen, wie gewaltig der Hoffnungsberg war, den man Babunski im Heimatland seiner Eltern baute, in dem er zwar geboren war, aber nur als kleines Kind gelebt hatte. Umso schöner ist, dass er im Juni mit Mazedonien an der U21-EM teilnehmen darf. In der Quali führte er sein Team an und man landete sogar vor Frankreich. Es ist die erste Teilnahme eines mazedonischen U-Teams an einer Endrunde.

In Barcelona kam er nicht wirklich mit dem Schritt zum Herrenfußball klar. Er agierte zu naiv, verlor Bälle, haderte, wenn er glaubte, gefoult worden zu sein. Ihm fehlte, obwohl er oft mit Messi und Co. trainierte, die Zielstrebigkeit, nur ein Tor schoss er in drei Jahren für Barca B. Seine Konkurrenten waren Sergi Samper und Denis Suarez. Oder auch Munir El Haddadi. Er war ihnen in einigen Bereichen mindestens ebenbürtig. In anderen aber fehlte es ihm. Auch beim Biss. Er war mitten in der Transformation vom Teenager zum Mann, las viel, war nicht zu 100 Prozent fokussiert auf sein Ziel.

2016 war die Geduld mit ihm zu Ende. Er wechselte zu Roter Stern – und es wurde noch härter. Denn er war – auch im Herrenbereich – technischen Fußball gewohnt, eine Wohlfühlatmosphäre. In Belgrad traf er auf abgezockte Profis, Bengalos, leidenschaftliche Fans, puren Hass der Anhänger des Gegners, harte Fouls und den Druck, immer gewinnen zu müssen. Zu viel für den sensiblen Jungspund. Er war am Ende nicht einmal mehr im Kader.

Er überlegte, seine Karriere zu beenden. Denn er wollte es auf keinen Fall so machen wie so viele vor ihm. Und als lebende Ware durch die Welt tingeln, immer auf der Suche nach einem neuen Vertrag. Er wollte studieren, schreiben, die Welt sehen. Zur Not würde er dafür einen Knochenjob annehmen, um Geld zu sparen. Luxus war ihm nie wichtig, auch wenn er die Ästhetik immer schätzte. Als im Januar 2017 über seinen Vater der Kontakt mit Yokohama, einem japanischen Top-Team zustande kam, zögerte er nicht lange. Denn Asien hatte ihn immer fasziniert.

Und er ist angekommen. Schon jetzt, nach vier Spielen. Die "Liebe seines Lebens", wie er seine Freundin Katarina nennt, ist mit ihm gekommen. Er ist glücklich, endlich wieder Teil eines Teams zu sein. Die Fans lieben ihn, ihren eigenen kleinen Messi. In den ersten beiden Saisonspielen hat er zwei Traumtore erzielt. Nach dem zweiten, einem Dropkick, rannte er in die Kurve, ließ sich von Fans umarmen und feierte mit ihnen zusammen. Momente der Ekstase. Und nur das zählt für ihn, der Moment und sein Glück im selben. Egal ob im Trikot eines Top-Teams oder der Yokohama Marinos.

"Die Umstände spielen keine Rolle", hat er auf Instagram geschrieben. "Nur der Zustand zählt." Ein anderer Post zeigt ihn, wie er aus einem Hochhaus auf Yokohama blickt. Wie er in die Sonnenstrahlen anguckt, mit geradem Rücken und ruhig dasitzend. David Babunski ist weder oben noch unten, weder als Mann noch als Fußballer.

Er lebt den Moment. Es zählt für ihn nicht, ob auf dem Fußballplatz oder daneben. Wichtig ist nur das Gefühl. Das erkannt zu haben, macht die Geschichte des David Babunski zu keiner tragischen. Sondern zu einer mit Happy-End. So oder so. Ob in Yokohama oder wo anders auf "diesem wunderschönen, gesegneten Planeten."