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Anja Althaus - Handball statt Babybauch

Ursprünglich wollte Anja Althaus ihre Handball-Karriere beenden und an die Familienplanung gehen. Doch nun macht sie weiter.



In ihrem Lieblings-Restaurant in der Wahlheimat Skopje ein ruhiges, sonniges Plätzchen suchen. Alle Fünfe gerade sein lassen. Ein Glas Wein mit ihrem mazedonischen Freund Dino (38) trinken und über Gott und die Welt reden. Das war der Plan von Anja Althaus für den Samstagabend. Doch wie das Leben der Handballerin aus Magdeburg so spielt – es kommt anders. Um 18.45 Uhr trifft sie zum Auftakt der Saison in der ungarischen Liga mit Györ auf das Team aus Debrecen.

Statt Karriereende und Babybauch ist also noch ein weiteres Jahr Handball angesagt. „Tja, wer hätte das gedacht, dass die alte Frau Althaus doch noch mal auf Torejagd geht – und das auch noch bei dem Top-Club im Frauen-Handball überhaupt“, platzt die Kreisspielerin am Telefon heraus. Und ihr Lachen, ein Markenzeichen der 34-Jährigen genauso wie die freche, platinblonde Kurzhaarfrisur und die Tattoos, ist ansteckend wie eh und je.

Anja Althaus ist offensichtlich mit sich im Reinen. Eine Frau, die mitten im Leben steht. Eine, die redet, wie ihr der „Machteburjer Schnabel“ gewachsen ist. Eine Frau, die aneckt, viel erlebt hat und der keiner etwas vormachen kann. Eine, die weiß, was sie will.

Mit dem ganzen Verzicht aufhören
Nämlich aufhören wollte sie im Sommer. Mit dem Handballspielen und dem ganzen Verzicht, den Anstrengungen und Qualen, der Terminhatz und der wenigen Freizeit .... – „all dem eben, was dieser Knochenjob so mit sich bringt“, bekennt Anja Althaus. „Ich wollte mich um unsere Familienplanung kümmern, ein Kind bekommen, mehr Zeit mit meinem Freund und unserem Hund verbringen, meinen Trainerschein machen und einmal öfter als nur zu Weihnachten meine Eltern in Magdeburg-Diesdorf besuchen“, beschreibt die gelernte Werbetechnikerin und Friseurin ihre Wunschvorstellungen „von einen ganz normalen Leben halt“.

Es war nicht etwa ihr Körper oder die biologische Uhr („Das mit dem Kinderkriegen ist doch heute anders als früher, dafür bin ich noch lange nicht zu alt.“), die den Abpfiff herbeisehnten. Eher der Kopf und das Herz sagten der Vollbluthandballerin, die als Achtjährige beim SCM mit der Torejagd begonnen und später das Magdeburger Sportgymnasium besucht hat: Es reicht! „Nach zwei wirklich guten und erfolgreichen Jahren bei Vardar Skopje lief es in der letzten Saison nicht mehr so toll.“ Ihr Vertrag lief aus und sie habe zwar noch einige Offerten von anderen Vereinen gehabt, „aber da war nichts dabei, was mich wirklich gereizt hätte, weiterzumachen. Also sagte ich mir: Anja, es ist genug. Du hat viel erlebt, hast alles erreicht, hörst auf höchstem Niveau auf. Es ist einfach an der Zeit, das Kapitel Handball abzuschließen. Es fühlte sich gut und richtig an.“

Gesagt, über Wochen geplant – und nach dem unglücklich mit 30:31 verlorenen Champions-League-Finale mit Vardar gegen Györ getan. Das Kapitel war geschlossen. „Und da sitze ich mit Dino bei einem Glas Wein im Restaurant in Skopje und sage: So, jetzt bin ich also Handball-Rentnerin. Und in dem Moment klingelt mein Handy“, schildert Althaus den Augenblick, der all ihre Pläne über den Haufen warf. Denn am Telefon war kein Geringerer als ihr Manager. „Und der haut raus: ,Du Anja, Györ will dich haben. Unbedingt. Für ein Jahr.‘“

Die Ex-Handballerin für zwei Tage glaubte, sich verhört zu haben. Zweimal habe sie nachfragen müssen, erinnert sich Althaus, die offensichtlich bei ihren Auftritten im Final-Four Eindruck hinterlassen hatte bei den Ungarn. „Ich konnte es einfach nicht glauben. Wir sprechen hier vom Champions-League-Sieger. Krass. Und die wollen mich. Mich!“

Viel Zeit zum Überlegen brauchte sie nicht. Zumal sie von ihrem Freund Dino sofort den Rücken gestärkt bekam: „Ich stand also vor einer absoluten Luxusentscheidung. Und er hat mich dabei unterstützt, Ja zu sagen, schließlich wurden unsere Familienpläne nur um ein Jahr nach hinten geschoben. Und uns würden nur zehn Autostunden trennen.“

Auch körperlich fühlte sie sich noch immer konkurrenzfähig. „Klar, ich werde bald 35, aber das ist nur eine Zahl. Ich bin top-fit und denke, ich kann noch manchem jungen Dachs was vormachen. Auch wenn mich mein Körper ab und an mal gefragt hat: Ey, Alte. Was machst du da?!“, lacht die Handballerin über sich selbst.

Weit gereiste Blondine
Größere Bedenken habe die in Sachen Handball weit gereiste Blondine bei der Sprache gehabt. „Dänisch ist kein Problem, Mazedonisch geht inzwischen auch, aber Ungarisch ist echt Chinesisch für mich. Aber zumindest kann ich die Handball-Begriffe. Zu mehr fehlt mir der Ehrgeiz – brauch‘ ich eh nicht.“

Was sie allerdings brauchte, war die Unterstützung der Eltern Sylvia und Peter. Denn da war noch „Junior“, die eineinhalb Jahre alte Mini-Bulldogge. Und die suchte für ein Jahr ein Notquartier. Doch die Eltern hätten sich schnell damit abgefunden, doch noch nicht Großeltern zu werden, sondern stattdessen auf den Hund zu kommen, so Althaus. „Ich habe mit ihnen gesprochen und sie stehen voll hinter der Entscheidung, noch ein Jahr dranzuhängen.“ Aber was sollten sie auch sagen, schon als sie klein war, habe sie ihren eigenen Kopf gehabt und durchgesetzt. „Im Endeffekt habe ich in den Sommerferien schweren Herzens meinen Hund in Magdeburg gelassen. Seitdem hält er meine Eltern auf Trab.“

Alles zum Guten
So also fügte sich alles zum Guten und Anja Althaus, die die harte Vorbereitung gut überstanden hat, genieße ihr Dasein als Handballerin in vollen Zügen: „Ich wurde toll aufgenommen. Und es ist eine ganz neue, schöne Situation für mich, denn ich kann ohne Druck an die Sache rangehen. Ich habe keine Existenzängste und spiele nicht um einen neuen Vertrag. Und ich kann sogar, wenn alles klappt, meine Karriere doch noch mit dem Champions-League-Titel beenden. Was will ich mehr?“

Na, zum Beispiel bei der Heim-WM im Dezember in Magdeburg auflaufen. Denn, warum sollte eine Kreisläuferin, die beim besten Frauenhandball-Verein der Welt spielt, nicht gut genug für die deutsche Nationalmannschaft sein? „Gute Frage, nächste Frage!“ Die lockere Gesprächsstimmung wechselt schlagartig. Anja Althaus ist das Lachen vergangen: „Das Thema Nationalmannschaft ist ein sehr schwieriges für mich. Eigentlich mag ich darüber nicht reden. Ich fühle mich zerrissen.“

Sie könne nicht verstehen, warum sie „seit zwei Jahren in Deutschland nicht mehr existiere. Ich fühle mich einfach unfair behandelt, denn ohne arrogant zu klingen: Ich bin definitiv noch immer eine der besten Kreisläuferinnen der Welt und gehöre in die Nationalmannschaft“.

Das Paradoxe an der ganzen Sache sei: „Ich war von heute auf morgen außen vor und weiß bis heute nicht, warum.“ Vielleicht, weil sie keine stromlinienförmige, sondern eine charakterstarke Spielerin war? „Mag sein. Aber ich habe noch nie ein Blatt vor den Mund genommen und habe offen meine Meinung gesagt.“

Kein Anruf vom Bundestrainer
Auf einen Anruf von Frauen-Bundestrainer Michael Biegler warte sie nicht: „Weil ich weiß, es wird ihn nicht geben. Das ist einfach so.“ Aber vielleicht passte sie einfach nur nicht in den angeschobenen Generationswechsel? Althaus hält dagegen: „Klar soll ein Team perspektivisch aufgestellt werden. Aber auf Teufel komm raus muss man eine Verjüngung nicht durchpeitschen. Außerdem: Der Ton macht die Musik. Ich finde, ein gesunder Mix von jungen Wilden und erfahrenen Spielerinnen ist nie verkehrt.“

Doch auch wenn das Thema Nationalmannschaft für sie abgehakt ist, traurig ist Anja Althaus trotzdem, dass ihr ein zweites „Heimspiel“ in Magdeburg verwehrt bleiben wird. An den Auftritt im Rahmen der Euro-Quali gegen Mazedonien hat sie die allerbesten Erinnerungen: „Es war ein wahnsinnig schönes Gefühl, in der Getec-Arena und vor meinen eigenen Leuten auflaufen und die Nationalhymne hören zu dürfen. Das ist mit nichts zu vergleichen. Dieses Gänsehaut-Erlebnis kann mir keiner mehr nehmen.“

Die WM werde sie dennoch live miterleben. „Ich werde nach Deutschland kommen und auch in Magdeburg am 10. Dezember in der Halle sein und die Daumen drücken, wenn die Mädels ihr Achtelfinale bestreiten.“ Für das Heim-Spektakel wünsche sie den „Ladies“ nur das Beste. „Eine WM im eigenen Land ist das Größte, was es gibt.“ Sie hofft auf volle Hallen, und dass die WM ihrem Sport einen Schub gibt. „Es wäre super, wenn es den Mädels gelingt, die Menschen für den Frauenhandball zu begeistern und Kinder und Jugendliche an die Hand zu nehmen und in die Hallen zu locken.“

Schade für die Mädels
Allerdings verspüre sie im Vorfeld der WM noch keine all zu große Euphorie. „Klar, die eine oder andere Spielerin postet mal etwas dazu, wie die Vorbereitung läuft, oder so. Aber als ich im Sommer zu Hause war, da habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, dass hier Ende des Jahres die Post abgehen soll. Schade.“ Sie habe das Gefühl, so die 234-fache Nationalspielerin, „dass das Ganze nur halbherzig angegangen wird. Das ist einfach schade für die Mädels. Das haben sie nicht verdient.“

Erwartet sie etwa einen gleichen Hype wie beim Wintermärchen der Männer 2007? „Nein, absolut nicht“, betont Althaus, für die ein Vergleich mit den „Bad Boys“ ohnehin Schwachsinn wäre: „Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wir betreiben zwar die gleiche Sportart, aber die Art Handball zu spielen, ist eine völlig andere.“

Anfang vom Ende
In Deutschland gäbe es nach wie vor „eine Zwei-Klassen-Gesellschaft“. Eine der ersten Auswirkungen war die Ausgliederung Ende der 90er Jahre aus dem SC Magdeburg: „Das war im Grunde der Anfang vom Ende des Frauenhandballs in Magdeburg.“

Auch heute kenne sie keine deutsche Spielerin in der Bundesliga, die wie die Männer als Profi vom Handball leben kann. Und die Meinung, sogar mancher männlicher Kollegen, über den Frauenhandball sei Steinzeit. „Gleichberechtigung und Akzeptanz sind für mich eine Frage des Wollens. Dass das eine so große Handball-Nation wie Deutschland nicht hinbekommt, erschüttert mich.“

Aber sie habe zum Glück andere Länder, andere Sitten erlebt. „Und es geht: Männer- und Frauenhandball können sich auf Augenhöhe bewegen.“ In Ungarn. In Dänemark und in Mazedonien, nennt Anja Althaus Beispiele: „Dass ich die Wertschätzung meines Sports erleben und dass ich so viel sehen und lernen durfte, das betrachte ich als großes Geschenk. Das kann mir keiner nehmen.“ Ganz egal, wie das Leben noch spielen wird ...

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