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Christian Vodenski (11) Deutschlands jüngster MMA-Profi trainiert in Frankfurt

Christian Vodenski ist elf Jahre alt – und sammelt einen Kampfsport-Titel nach dem anderen. In ein paar Jahren möchte der Gymnasiast aus Offenbach in der US-amerikanischen Mixed-Martial-Arts-Liga mit den Großen seines Sports im Käfig stehen.

Die hier miteinander trainieren, würden niemals in einem Wettkampf miteinander in den Ring steigen: Während Max Coga – 28 Jahre, 65 Kilo – sich längst einen Namen in der deutschen Mixed-Martial-Arts-Szene gemacht hat, befindet sich Christian Vodenski – elf Jahre, 30 Kilo – noch am Anfang seiner Laufbahn. Einer Laufbahn allerdings, von der gestandene Profis glauben, dass sie ihn weit bringen könnte. Bis in die Arenen des Ultimate Fighting Championship (UFC), in denen regelmäßig Kampfsport-Stars wie der schillernde Ire Conor McGregor auftreten.

Inspiriert von Videospielen

Mixed Martial Arts – kurz MMA – ist eine Vollkontakt-Kampfsportart, die zahlreiche Stile vereint. Wenn die Kombattanten miteinander in den achteckigen Käfig steigen, ist fast alles erlaubt: Tritte und Schläge, Wurf- und Hebeltechniken, der Einsatz von Knie und Ellbogen. Die Anfänge des MMA liegen in den 90er Jahren. Inspiriert von Videospielen wie Street Fighter oder Mortal Combat, in denen Kämpfer verschiedener Traditionen gegeneinander antreten, fanden in den USA die ersten Kämpfe statt. MMA ist schnell populär geworden, gerade in den USA, in Russland und in Asien, wo die Kämpfe großer Stars wie Conor McGregor regelmäßig Millionen in die Arenen und vor die Fernsehgeräte treiben. 
MMA hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Mixed Martial Arts gilt als brutaler, regelloser, bisweilen sogar blutrünstiger Sport. Die Wettkämpfe dürfen nicht im Fernsehen übertragen werden. Die großen Ligen rühmen sich zwar ihres Regelwerks und pochen auf die vergleichsweise geringe Verletzungsquote bei den Kämpfen. Aber die Erinnerung an die frühen, ungeregelten Tage ist noch wach. An Wettkämpfe wie den ersten UFC-Kampf in Denver 1993, als ein Taekwondo-Kämpfer einem Sumo-Ringer so hart ins Gesicht trat, dass Ärzte anschließend mehrere Zähne aus seinem Fuß entfernen mussten.

Inzwischen ist das anders. „Kämpfe und Training sind sehr geregelt“, erklärt Max Coga, „Das ist nicht gefährlich.“ Tatsächlich laufen die Trainingseinheiten sehr diszipliniert ab. Coga und Vodenski üben Hebel und Griffe, wie Tänzer Bewegungsfolgen trainieren – eine Bewegung nach der anderen, mal langsamer, mal schneller, immer wieder von Neuem, bis der Ablauf perfekt sitzt.

Kinderstar im Kampfsport

Christian Vodenski ist so etwas wie ein Kinderstar der Szene in Deutschland. Innerhalb weniger Jahre hat er fast fünfzig Titel erkämpft, in Disziplinen wie Kickboxen, Ringen, Taekwondo und Jiu Jitsu. Mittlerweile hat er einen Sponsor, fährt zu Wettkämpfen in Monaco und Moskau. Mehr als 80.000 Menschen verfolgen seinen Werdegang auf Facebook. 
Mit seinem Vater Vonca Vodenski übt Christian Schläge und Tritte. Auch diese Übungen haben etwas Tänzerisches: „Fünf“, sagt Vonca Vodenski, und sein Sohn lässt eine schnelle Folge leichter Schläge auf die Pratzen niedergehen – dreimal links, zweimal rechts. „Acht!“, „Zehn!“ Christian setzt die Kommandos blitzschnell und konzentriert um, braucht den Bruchteil einer Sekunde, um zu den Tritten und Schlägen anzusetzen, die sein Vater diktiert.

Kinder im MMA – das ist ungewöhnlich, aber nicht unbekannt. In den USA gibt es bereits Ligen, in denen Acht-, Neun- und Zehnjährige gegeneinander antreten. In Deutschland ist das verboten. Wer hierzulande einen Wettkampf im Käfig bestreiten will, muss 18 Jahre alt sein. Christian Vodenski muss noch ein paar Jahre warten, ehe er Profi-MMA-Kämpfe bestreiten darf. Kampfsporttraining und Wettkämpfe in den verschiedenen Teildisziplinen darf er aber jetzt schon betreiben. Und das tut er – mit großem Erfolg.



Käfigkämpfe an der Hanauer Landstraße

„Christian hat ein Riesenpotenzial“, sagt MMA-Profi Max Coga. Die beiden üben Bodentechniken im „MMA Spirit“, einem Kampfsport- und Fitnessstudio an der Hanauer Landstraße. Hier gehen zahlreiche Kampfsportler ein und aus – muskelbepackte Männer mit flachen Gesichtern, mehrfach gebrochenen Nasen und zerdrückten Ohren. „Christian ist natürlich noch kein Profi-Kämpfer“, sagt Max Coga, „Aber trotzdem gehört er inzwischen einfach dazu.“ 
Christians Ziel: eine MMA-Karriere in den USA. „Ich will so werden wie Conor McGregor“, erklärt der Elfjährige selbstbewusst. Dafür übt er: Schlag- und Tritttechniken mit seinem Vater, Würfe und Hebel mit Max Coga. Vonca Vodenski fährt seinen Sohn täglich zum Training. An den Wochenenden geht es auf Wettkämpfe – in Hessen, in Deutschland, in ganz Europa. Selbst nachts lässt der Elfjährige nicht von MMA ab: Sein Bett ist ein nachgebauter Käfig.

Taugt MMA für Kinder?

Dafür ernten Christians Eltern auch Kritik. „Wir bekommen praktisch täglich Nachrichten auf Facebook, in denen die Leute uns vorwerfen, einen kleinen Kämpfer zu züchten“, sagt Vonca Vodenski. „In Wahrheit ist es so, dass wir Christian manchmal vom Training abhalten müssen.“ 
Kritiker argumentieren, dass der Sport verrohe – das sei besonders für Kinder gefährlich. „Wenn man den anderen noch tritt, wenn der schon wehrlos am Boden liegt, hat das für mich nichts mit fairem Sport zu tun“, sagt etwa Peter Frese, der Präsident des Deutschen Judo-Bunds, im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Tatsächlich haftet den Kämpfen etwas Rohes, Wüstes an. Seit 2010 dürfen sie in Deutschland nicht mehr im Fernsehen übertragen werden – die Bayerische Landeszentrale für Neue Medien verhängte ein Verbot. Was freilich zur Folge hat, dass die Klickzahlen bei Youtube in die Höhe schnellen.

MMA – ein Schlägersport? Christians Vater Vanco schüttelt den Kopf. „Christians große Schwester spielt Handball – das ist, ehrlich gesagt, brutaler als Kampfsporttraining. Da passiert viel eher was“, sagt er. „Im MMA-Training passiert sowieso nichts. Und bei den Kämpfen ist Christian ja geschützt. Ich habe keine Angst, dass ihm etwas passiert.“

Michael Straub, Jugendleiter beim TSV Gailbach, trainiert gelegentlich Ringen mit Christian Vodenski. „Kampfsport ist für Kinder gut geeignet“, sagt er. „Sie trainieren ihre Motorik, alle Muskelgruppen.“ Und auch Straub betont: Gefährlich ist Kampfsport, der regelkonform ausgeübt wird, eigentlich nicht.  

Vom Nischen- zum Breitsport?

Mixed Martial Arts ist – wie jede Sportart – ein Wettbewerb, in dem es nicht nur um sportliche Leistungen geht, sondern auch um Persönlichkeiten. Das Publikum verliebt sich nicht in den besten Techniker, sondern in den besten Charakter. Christian Vodenski besetzt hier eine Nische: die des Wunderkindes. Ein Naturtalent, das die MMA-Welt mit seinen atemberaubenden und frühen Erfolgen in den verschiedenen Kampfsportarten in Erstaunen versetzt. 
„Wenn Christian so weitermacht“, sagt sein Trainer Max Coga, „dann geht es für ihn ganz weit nach oben – bis in die UFC!“