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Filip Taleski im Interview - Ein Titel zum Einstand wäre nicht schlecht

Seit dem vergangenen Winter trägt Filip Taleski das Trikot der Rhein-Neckar Löwen. Der mazedonische Nationalspieler kam während der laufenden Saison vom Champions League Teilnehmer Metalurg Skopje zu den Löwen, bei denen er einen Vertrag bis zum Sommer 2021 unterschrieben hat. Im Interview spricht der 21-jährige Rückraumspieler über seine ersten Wochen bei der Bundesliga, die Anfänge seiner Handballzeit, lobt seinen Mitspieler Dejan Manaskov und gibt einen Ausblick auf seine nächsten Ziele mit den Löwen.



Filip, willkommen bei den Rhein-Neckar Löwen. Wo hast du eine neue Wohnung gefunden?

Filip Taleski: Momentan habe ich noch ein Appartement in Leimen. Im Winter musste schließlich alles ganz schnell gehen, als ich vorzeitig von Metalurg Skopje zu den Rhein-Neckar Löwen gewechselt bin. Da blieb nicht ganz so viel Zeit, etwas Adäquates zu finden. Aber bis zum Sommer reicht das vollkommen, danach übernehme ich die Wohnung von Dejan Manaskov in Sandhausen.

Wie wichtig ist dein Landsmann momentan für dich?

Taleski: Er macht eigentlich alles für mich und ist wie ein älterer Bruder. Ich brauche ihn vor allem als Dolmetscher, aber ich kann ihn auch alles fragen – er ist verständlicherweise mein erster Ansprechpartner.

Bist du alleine nach Deutschland gekommen?

Taleski: Nein, mein Vater Kocho hat mich in den ersten Wochen begleitet. Er hat extra Urlaub genommen, stand mir zur Seite und hat es mir dadurch ein wenig leichter gemacht, mich hier zurechtzufinden. Aber Mitte März ist er dann zurück nach Skopje geflogen. Er kann ja nicht ewig bleiben, sondern muss irgendwann auch wieder arbeiten. Für mich war es aber sehr wichtig, in der ersten Zeit eine Bezugsperson direkt vor Ort zu haben.

Was ist mit deiner Freundin?

Taleski: Mateja studiert in Skopje, sie spielt auch Handball für Metalurg und steht im Tor. Ich hoffe, dass sie zur neuen Saison nach Deutschland kommen kann.

Was haben deine Eltern gesagt, als du ihnen von deinem Wechsel nach Deutschland berichtet hast?

Taleski: Sie sind einfach sehr stolz auf mich, dass ich mir diese Chance erarbeitet habe. Sie haben sich für mich gefreut. Denn es ist nicht selbstverständlich, ein Angebot vom Deutschen Meister zu bekommen und in der besten Liga der Welt spielen zu dürfen.

Wie schwer oder leicht ist für dich die neue Situation?

Taleski: Es ist meiner Meinung nach ganz normal, dass für mich nun sehr viel ungewohnt ist. Ich lebe zum ersten Mal allein, bin weit weg von zuhause, kenne die Sprache und das Land nicht und muss mich in eine neue Mannschaft einfinden. Das ist ganz schön viel auf einmal. Aber es wird von Tag zu Tag besser. Ich lerne Deutsch, habe zwei Mal in der Woche Einzelunterricht und versuche, auch im Training sehr viel mitzunehmen. Wenn ich die Sprache besser spreche, werden sicherlich viele Dinge einfacher. Ich bin zuversichtlich, dass ich die ganz normalen Eingewöhnungsprobleme bald hinter mir lassen kann.

Wie hast du dich in deiner neuen Umgebung zurechtgefunden?

Taleski: Ich will es mal so sagen: Momentan bin ich ganz froh über das Navigationssystem in meinem Auto.

Du bist direkt von der WM zu den Löwen gekommen. Wie fällt deine Turnierbilanz aus?

Taleski: Ich bin nicht zufrieden mit meiner Leistung. Ich kann besser spielen, als ich es bei der Weltmeisterschaft in Frankreich gezeigt habe. Was das Auftreten unserer Mannschaft angeht, sieht das etwas anders aus. Wir haben das Achtelfinale erreicht und sind dann gegen den späteren Vize-Weltmeister Norwegen ausgeschieden. Das war in Ordnung. Denn man sollte nie vergessen: Es ist für eine kleine Nation wie Mazedonien nicht selbstverständlich, dass wir überhaupt bei der WM dabei sind.

Du stammst aus der Jugendakademie von Metalurg Skopje: Wie bist du zu diesem Klub gekommen?

Taleski: Als ich 13 Jahre alt war, hat meine Mutter Arbeit in Skopje gefunden. Ich komme eigentlich aus dem kleinen Ort Krusevo. Als wir dann in Skopje waren, habe ich mich Metalurg angeschlossen, habe dort die Jugendmannschaften durchlaufen und wirklich sehr viel gearbeitet. Ich habe unzählige Stunden in der Trainingshalle verbracht, im individuellen Bereich gearbeitet. Ich war schon immer sehr ehrgeizig, wollte jeden Tag besser werden.

War immer klar, dass du Handballer wirst? Oder gab es noch eine andere Sportart?

Taleski: Ich bin Ski gefahren.

In Mazedonien?

Taleski: Ja, in Krusevo gibt es einen kleinen Berg und ein paar Lifte. Jeder aus diesem Ort kann Skifahren.

Welchen Stellenwert genießt Handball in Mazedonien?

Taleski: Unser Land liebt den Handball. Diese Sportart hat bei uns eine große Tradition, sie ist die Nummer eins.

Du bist in jungen Jahren schon Kapitän von Metalurg geworden: Wie geht man in deinem Alter damit um?

Taleski: Das war zunächst einmal eine große Ehre für mich, aber durch dieses Amt lastete auch viel Verantwortung auf meinen Schultern. Es ist sicherlich ungewohnt, einen so jungen Spieler zum Kapitän zu machen. Ich kann mich im Nachhinein auch nur bei meinen ehemaligen Kollegen bedanken, dass sie es mir so leicht gemacht und mir in dieser Rolle auch geholfen haben.

Vor einigen Jahren war Metalurg eine große Nummer im europäischen Vereins-Handball, doch plötzlich ging das Geld aus. Wie hast du diese Phase erlebt?

Taleski: Es ist schade, was damals mit diesem Verein passiert ist. Und vor allem war es schwer für die damaligen Spieler, die sich plötzlich neue Vereine suchen mussten. So wie zum Beispiel Dejan Manaskov, der damals nach Wetzlar gegangen ist. Aber es gab eben auch die andere Seite: Viele junge Spieler wie ich sind an dieser Situation gewachsen, wir haben davon sogar profitiert. Denn wir haben sofort eine Chance in der ersten Mannschaft bekommen, waren in der Seha-Liga und in der Champions League gefordert. Das waren große Herausforderungen. Aber eine bessere Möglichkeit, um schnell zu reifen und sich zu entwickeln, gibt es eigentlich nicht für einen jungen Spieler.

Früher waren die Stadt-Duelle zwischen Vardar und Metalurg Skopje berüchtigt. Ist das immer noch so?

Taleski: Nein, die Rivalität hat längst nicht mehr die Dimension wie früher. Vardar hat mittlerweile die klar bessere Mannschaft, da verlieren diese Derbys automatisch ihren Reiz. Die Tribünen sind auch nicht mehr voll.

Wie gut kann sich ein ambitionierter Spieler in der mazedonischen Liga entwickeln?

Taleski: Wenn man das höchste Niveau anstrebt, muss man irgendwann Mazedonien verlassen. Die nationale Liga ist keine Herausforderung, deswegen sind die Seha-Liga und die Champions League auch so wichtig. Vardar und Metalurg nehmen an der regulären Meisterschaft ja noch nicht einmal teil, sie steigen erst im April oder Mai in den Play-offs ein. Nebenbei läuft ein bisschen der Pokal. Gefordert wird man mit Metalurg auf nationaler Ebene praktisch nur, wenn es gegen Vardar geht.

Metalurg kam in der Champions League in den Lostopf für die schwächer besetzten Gruppen C und D. Hat dich das geärgert?

Taleski: Nein, wichtig war für uns erst einmal, überhaupt in der Champions League dabei zu sein. Meiner Meinung nach war es für unsere junge Mannschaft auch gar nicht schlecht, nicht gleich gegen die absoluten Topmannschaften anzutreten. Wir waren in der Gruppe C sehr gut aufgehoben.

Welche Erinnerungen hast du an dein Champions-League-Debüt?

Taleski: Das war im April 2014 in der Kieler Ostseehalle. Wir haben zwar verloren, aber ich werde diese Spiels niemals vergessen. Zum ersten Mal durfte ich in der Chamions League ran, dann auch noch in Kiel – und am Ende habe ich auch noch drei Tore erzielt. Diese Begegnung wird verständlicherweise für immer einen Platz in meinem Herzen haben.

Bist du damals nervös gewesen?

Taleski: Wenn man auf dem Feld steht, ist man relativ schnell drin. Ich habe mich an diesem Tag einfach gut gefühlt.

In deiner Heimat wirst du schon mit Kiril Lazarov vom FC Barcelona und Dejan Manaskovs Vater Pepi verglichen. Man hat große Erwartungen an dich.

Taleski: Ich denke darüber nicht allzu viel nach. Es freut mich aber natürlich, dass die Leute Parallelen zwischen Kiril, Pepi und mir sehen. Ich werde alles dafür tun, damit ich die Erwartungen irgendwann erfüllen werde. Bis dahin liegt aber noch ein sehr, sehr weiter Weg vor mir. Ich werde zwar mit ihnen verglichen, aber so gut wie Kiril und Pepi bin ichnoch lange nicht.

Was bedeutet es für dich, jetzt für die Löwen zu spielen?

Taleski: Dass dieser Verein mich haben will, konnte ich zunächst nicht glauben. Das war ein fantastischer Augenblick, als ich vom Interesse der Löwen gehört habe. Dass das dann auch alles mit einem Wechsel geklappt hat, macht mich natürlich sehr glücklich. Vom ersten Tag meiner Karriere war die Bundesliga mein Ziel. Ich mag die deutsche Mentalität und glaube, dass ich mich hier sehr gut entwickeln werde.

Worauf freust du dich in dieser Saison noch?

Taleski: Ein Titel wäre zum Einstand nicht schlecht (lacht). Ansonsten freue ich mich wirklich über jedes Bundesligaspiel und das Erlebnis des REWE Final Four am kommenden Wochenende in Hamburg. Vielleicht klappt es ja mit dem Pokalsieg für uns, ich weiß, wie sehr vor allem unsere Fans sich nach diesem Titel sehnen und wie viel Pech die Rhein-Neckar Löwen in den letzten Jahren hatten. Irgendwann wird es aber klappen, hoffentlich bin ich dann dabei.