Tagespost: Die mazedonische Frage


Eine außenpolitische Front auf dem Balkan wurde befriedet, zwei innenpolitische wurden neu angeheizt. Der Einigung Mazedoniens und Griechenlands im jahrzehntelangen Namensstreit applaudierten am vergangenen Sonntag am Prespasee zwar die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und Erweiterungskommissar Johannes Hahn, doch in Mazedonien wie in Griechenland gibt es Demonstrationen und Widerstand.

In Anwesenheit ihrer Regierungschefs Zoran Zaev und Alexis Tsipras unterzeichneten die Außenminister Mazedoniens und Griechenlands ein Abkommen, in dem der seit 1991 souveräne Staat nun als „Nordmazedonien“ anerkannt wird. Laut diesem Kompromiss darf die slawische Sprache, die im Land gesprochen wird, weiter als „Mazedonisch“ bezeichnet werden, die Einwohner dürfen sich Mazedonier nennen.

Der Landesname jedoch lautet, auch im adjektivischen Gebrauch, fortan „Nordmazedonien“. Das Abkommen bringe seinem Land „einen Freund, von dem viele sagten, er sei ein unversöhnlicher Feind“, meinte der mazedonische Regierungschef Zaev bei der Unterzeichnung des Abkommens in Psarades, auf der griechischen Seite des Sees, bevor man mit dem Boot auf die mazedonische Seite zum Mittagessen fuhr.

Tatsächlich hatte sich Athen seit dem Zerfall Jugoslawiens als Gegner Mazedoniens erwiesen: Es blockiert bis heute die Annäherung Skopjes an die EU, obwohl Brüssel bereits 2005 den Kandidatenstatus für Mazedonien befürwortete und 2009 die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen empfahl. Ebenso verhinderte Athen bislang den NATO-Beitritt Mazedoniens. Obgleich vom militärisch schwachen Mazedonien nie eine Gefahr für den NATO-Staat Griechenland ausging, begründete Athen seine Blockade damit, der Staatsname suggeriere einen Machtanspruch auf das nord-griechische Makedonía und okkupiere die antike Geschichte von Philipp II. und Alexander dem Großen. Dass die Regierenden in Skopje die Staatsfahne, die die sechzehnstrahlige „Sonne von Vergina“, das Emblem Philipps und Alexanders, zeigte, änderten, beruhigte Athen ebenso wenig wie ein Verfassungspassus, der Gebietsansprüche ausschließt. Aus Sicht der beiden Regierungen – und der EU – ist der Konflikt nun mit der Namensänderung beigelegt.

Viele sehen das anders: In beiden Staaten kam es nach der Einigung zu Demonstrationen. Viele Mazedonier empfinden den Kompromiss als demütigende Attacke auf die eigene Identität, viele Griechen als Verrat am Norden wie an der Geschichte. In Athen scheiterte ein oppositioneller Misstrauensantrag, aber ratifiziert ist das Abkommen noch nicht; in Skopje braucht Zaev einen Volksentscheid, um die Verfassung entsprechend ändern zu können. Ob er dafür die Opposition und Präsident Djordje Ivanov gewinnen kann, ist mehr als fraglich.

Gegen einen Kompromiss wandten sich bisher auch die orthodoxen Kirchen Griechenlands und Mazedoniens, denn beide Kirchen verstehen sich als Hüter des jeweiligen geschichtlichen Erbes ihrer Länder. Die mazedonisch-orthodoxe Kirche sieht ihre Wurzeln im Patriarchat von Ohrid, dessen Eigenständigkeit vor einem Jahrtausend von Byzanz anerkannt worden war.

Die griechische und die serbische Orthodoxie sehen in der mazedonisch-orthodoxen Kirche dagegen eine 1967 vollendete illegitime Abspaltung von Belgrad, die vom kommunistischen Tito-Regime betrieben worden sei, um Serbiens Orthodoxie zu schwächen. Vor wenigen Tagen nun erklärte der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios, er wolle die schismatischen Orthodoxien in Mazedonien und in der Ukraine wieder „in die kanonische Gemeinschaft der orthodoxen Kirche“ führen und suche nach „heilenden Lösungen“. Bezogen auf die Ukraine kam postwendend scharfer Widerspruch vom russisch-orthodoxen Außenamtschef, Metropolit Hilarion. Aber auch in Belgrad und Athen sind die orthodoxen Hierarchien – bezogen auf Mazedonien – nicht an einer Vermittlung von Bartholomaios oder an einem Ende des Kirchenkonflikts interessiert.

QUELLE: TAGESPOST

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